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Mit Skateboard und Kappe für das Evangelium

– Gedanken zu einem Fernsehbeitrag

 

„Gibt’s hier irgendwo einen Pfarrer-Parkplatz für mein Skateboard?“ – So lautet sinngemäß die erste Frage, die die  beiden „Skateboard-Pastoren“ bei Hausbesuchen stellen  – und bekommen damit bestimmt im Nu Türen und Herzen geöffnet. Ich jedenfalls musste schmunzeln, als ich diesen Satz in einem Interview mit den beiden las – denn ich kenne keinen Pfarrer bzw. Pastor mit einem Skateboard als Dienstfahrzeug… Wobei das Skateboard ja nur eine der Besonderheiten ist, mit denen Christopher Schlicht und Maximilian Bode als Pfarrer der Emmausgemeinde in Bremerhaven-Grünhöfe auffallen.

Ich gebe zu: das, was in der Berichterstattung von den beiden Seelsorgern zu lesen und zu sehen ist, provoziert mich als Pfarrerin. Provozieren im ursprünglichen Wortsinn: es ruft etwas in mir hervor.  Nämlich Begeisterung und zugleich Abwehr und auch so manche Frage.

„Wow!“, sagt die junge Frau mit den Piercings, die im Beitrag zu Wort kommt. Und ich kann sie verstehen.

Wow – was für eine tolle Gabe die beiden Pastoren haben, Menschen zu erreichen, die im traditionellen Gottesdienst sonst kaum zu finden sind.

Wow – was für frische Ideen die beiden haben, um die Kirche zu einer neuen Heimat für viele zu machen und Menschen für den Glauben zu gewinnen.

Wow – was für eine authentische und direkte Sprache die beiden haben, die nicht aufgesetzt wirkt – und über moderne Medien in so manches Wohnzimmer gelangt.

Ich gebe zu: Ich bin angetan!

Aber es rührt sich auch Abwehr in mir.

„Und dann die Kappe auf beim Vaterunser-Beten vorm Altar! Ich wäre am liebsten wieder rausgelaufen!“ – sagt die ältere Dame, die ebenfalls im Beitrag zu Wort kommt. Und auch da muss ich sagen: ich kann sie verstehen.

Muss das sein, dass man in einer so flapsigen, manchmal auch derben Sprache den Gottesdienst feiert?

Muss das sein, dass man als Liturg im Gottesdienst eine Kappe aufhat, auf den Talar aber verzichtet?

Muss das sein, das Würdevolle und die Tradition einfach so zu durchbrechen?

Ich bin hin- und hergerissen.

Und merke: so beeindruckend ich es finde, was die beiden machen – „meins“ wäre es nicht. ICH kann mir für mich nicht vorstellen, mit Kappe am Altar das Vaterunser zu beten, Jugendsprache zu benutzen (gut, das mag an meinem Alter liegen…), einen Techno-Gottesdienst anzubieten oder gar Skateboard zu fahren.

Und auch aus der Perspektive des Gemeindeglieds (das ich ja auch bin), muss ich feststellen: Ich würde mich auf Dauer vermutlich nicht wohlfühlen in einem solchen Gottesdienst; dafür bin ich kirchlich zu traditionell sozialisiert. Vielleicht fände ich es spannend und wäre gewiss auch neugierig. Aber ob es meine geistliche Heimat werden würde – ich glaube nicht.

Nein, „Meins“ ist das nicht.

Aber: MUSS ES JA AUCH NICHT!

Und damit bin ich am entscheidenden Punkt für alle Fragen rund um „Kirche“ und Verkündigung, Gemeindeaufbau und zukünftige Formen kirchlichen Lebens:

 Gilt nur das, was ich für richtig und angemessen halte, oder kann ich es auch zulassen, dass andere Menschen andere Formen von Verkündigung wählen?

Kann ich es zulassen, dass andere Menschen auch andere Formen von Verkündigung brauchen; Formen, die über traditionelle Gottesdienstformen und die klassische Gemeindearbeit hinausgehen?

Wenn etwas nicht „meins“ ist, kann es ja dennoch für ganz viele andere Menschen genau das Richtige sein! Wenn etwas nicht „meins“ ist, ist es ja dadurch noch lange nicht schlecht oder unangemessen oder kritikwürdig. Es ist zunächst einfach mal anders!

Und gleiches gilt aus dem anderen Blickwinkel: Wenn etwas „meins“ ist, heißt das ja noch lange nicht, dass es für jeden anderen auch die richtige Ausdrucksform, die angemessene theologische Umsetzung, die ihn oder sie ansprechende Verkündigungsform sein muss.

 Manchmal habe ich den Eindruck, dass uns das überkommene Pfarrerbild in mancherlei Hinsicht lähmt, dass Traditionen und liebgewonnene Rituale – so wertvoll und wichtig sie sein mögen – unsere Füße und Gedanken eher auf engen als auf weiten Raum stellen.

Durch solche Beiträge wie den über die Skateboard-Pastoren werde ich eingeladen und aufgefordert, mein Denken und meine Sicht weiten zu lassen.

Auch wenn mir die Verkündigungsformen fremd oder ungewohnt sind – ich möchte doch mit viel Überzeugung und weitem Herzen sagen können: Das ist gut und segensreich, was dort geschieht! Es ist gut, dass es Pfarrerinnen und Pfarrer gibt, die auf andere Weise als es mir vertraut ist, Menschen mit dem Evangelium in Berührung bringen. Es ist gut, dass jeder Pfarrer, jede Pfarrerin, jedes Presbyterium andere Gaben und Schwerpunkte hat – sodass ganz unterschiedliche Menschen auf ganz unterschiedliche Arten von Gott erfahren und von ihm angerührt werden können.

Damit ist das, was ich tue, was ich für wertvoll und richtig halte, nicht abgewertet. Aber es ist eben auch nicht absolut gesetzt. Es gibt so viele Formen, die gute Nachricht zu verkündigen! Allen Formen gemeinsam sollte sein, dass man mit Aufgeschlossenheit und Zugewandtheit auf die Menschen, die um einen herum sind, zugeht und sie mit weitem Herzen einlädt. Gemeindearbeit lebt immer von der Persönlichkeit der Aktiven vor Ort – und bietet im Miteinander verschiedener Gemeinden, die nebeneinander und miteinander bestehen, eine große Vielfalt.

Denn eins ist ja klar – und wird auch in den Aussagen der Gottesdienstbesucherinnen im Beitrag deutlich: Es wird vermutlich keine Parochialgemeinde geben, in der JEDER und JEDE, der / die dazugehört, genau das vorfindet, was er oder sie sucht oder braucht an geistlichen Impulsen, Gottesdienstfeiern, Seelsorge, Diakonie, Verkündigung.  Alle Bedürfnisse kann keine Gemeinde bedienen.

Umso wichtiger scheint es mir, offen zu werden für Formen, die uns bisher vielleicht fremd erscheinen oder gar unpassend. „Offen“ in dem Sinne, dass wir selber Neues ausprobieren. Aber „offen“ auch in dem Sinne, dass wir andere Formen von kirchlicher Arbeit tolerieren und uns über das weite Spektrum an Gaben und Ideen freuen!  Dann kann unsere Kirche in ihrer großen Vielfalt als Einladung zum Glauben und zum Weg mit Gott von vielen Menschen erfahren werden.

Und so finde ich nun tatsächlich eine Antwort auf meine ganzen „Muss-das-sein?-Fragen“:

Nein, es muss nicht sein, den Gottesdienst in einer flapsigen Sprache zu feiern.

Nein, es muss nicht sein, beim Vaterunser die Kappe zu tragen und

nein, es muss auch nicht sein, mit Traditionen zu brechen.

Aber – ja, es darf sein!

Und ich freue mich für jeden, der in Bremerhaven in der Emmausgemeinde seinen Platz, seine Heimat und Gott findet!

 

Hier der Beitrag vom ZDF:

https://www.zdf.de/nachrichten/video/panorama-skateboard-pfarrer-100.html

und hier noch ein anderer Beitrag, diesmal von Sat1:

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